Prasa o nas -   Viele Hände formten Dürers «Venezianerin« 
Nürnberger Zeitung, 23.04.2008

Nanu, wer hat Albrecht Dürer Hörner aufgesetzt - Teufelshörner noch dazu? Na, wer wohl - die Kunst natürlich, genauer jene Designer, die auf Dürers Selbstbildnis die Umrisse des Dürer-Hasen projiziert haben, um damit jenes Doppelprojekt zu illustrieren, mit dem am Wochenende die Stadt Nürnberg ihren wichtigsten Künstler in die polnische Partnerstadt Krakau gebracht hat.

Denn auf dem Rynek, dem so schönen wie weitläufigen Krakauer Hauptmarkt, wurde am Sonntag das 300 Quadratmeter große Dürer-Puzzle, das «Brustbild einer jungen Venezianerin« ausgebreitet. Und ein paar Straßenzüge weiter, im jüdischen Viertel Kazimierz, jagte der Künstler Ottmar Hörl eine Horde seiner roten Dürer-Hasen die Wände des Nürnberger Hauses hoch. Eine Stoffbespannung an der Fassade verwandelte das Kultur- und Veranstaltungszentrum mit einem schummrig urigen Cafe in seiner Mitte vorübergehend ins Krakauer «Albrecht-Dürer-Haus«, und damit zum Pendant des weltberühmten Originals am Tiergärtnertorplatz.

Dürer in Krakau - das ist in der 765.000-Einwohner-Stadt im Süden Polens nichts Unbekanntes, schließlich war Hans, der weit weniger berühmte jüngere Bruder Albrechts, Hofmaler bei König Sigismund I. dem Alten. Besonders in der Renaissance waren die Bande zwischen Nürnberg und Krakau eng geknüpft, und als Vorbild und Ideengeber leuchteten stets die oberitalienischen Zentren dieser Epoche.

Das Puzzle mit seinen 1677 Teilen soll die hohe Kunst und die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge ganz leicht und spielerisch begreifbar machen, doch deshalb werden auf dem Rynek auch ganz andere, praktische Fragen wichtig: Es ist kühl an diesem Sonntagvormittag, am Himmel drohen dunkle Wolken Regen an. Werden die Krakauer da überhaupt Interesse am Puzzlen zeigen, werden sie Lust am Tüfteln mit Einzelteilen haben?

Das sind Fragen, die sich Annekatrin Fries und andere Mitarbeiter des Kulturreferats schon gestellt haben, als das «Brustbild einer jungen Venezianerin« im Jahr 2005 auf dem Sebalder Platz seine Puzzle-Weltpremiere erlebte. Doch sie erwiesen sich damals genauso unbegründet wie bei den ersten beiden Auslandsreisen des Puzzles ins chinesische Shenzhen und nach Rom.

Ebenso beherzt greifen nun die Krakauer zu, allen voran die Kinder, die den Nürnberger Kulturbotschaftern die Einzelteile förmlich aus den Händen reißen. In einem Kleintransporter war die in Kisten verpackte Venezianerin von Nürnberg nach Krakau transportiert worden - viel schneller als die rund achtstündige Autobahnfahrt dauert, setzen die eifrigen Puzzler nun die junge Italienerin wieder zusammen: Gut drei Stunden brauchen sie, das ist nochmal deutlich schneller als die Römer, die mit fünf Stunden die bisherigen Rekordhalter waren.

Deshalb ist das auf dem Pflaster zwischen den Tuchhallen und dem Turm des alten Krakauer Rathauses liegende Riesenbildnis auch schon fast fertig, als Kulturreferentin Julia Lehner eintrifft. Sie spendet den jungen begeisterten Puzzlern ebenso Applaus wie die vielen Schaulustigen; Fernsehteams und Fotografen umringen plötzlich die Kinder, am Abend kommt das Nürnberger Dürer-Puzzle in den Hauptnachrichten des polnischen Fernsehens, auch viele Zeitungen berichten ausführlich.

Von dieser Aufmerksamkeit erhofft sich Renata Kopyto, die künstlerische Leiterin des Nürnberger Hauses in der Ulica Skaleczna, einen kräftigen Schub. Die roten Dürer-Hasen an der Fassade sind jedenfalls so begehrt, dass der Hausmeister sie jeden Abend abschrauben muss, damit sie nachts nicht geklaut werden. Nicht nur Dürer, auch Hörl boomt in Krakau. Weshalb für nächstes Jahr, wenn die Städtepartnerschaft ihr 30. Jubiläum feiert, ein Projekt mit Da Vincis «Die Dame mit dem Hermelin« geplant ist. Die hängt im Krakauer Nationalmuseum und wird bei Hörl, so viel sei schon verraten, plötzlich ihren Hermelin vermissen.

Tekst + Foto: Thomas Heinold